Im Gespräch mit Dr. Florian Urlichs und Dr. Fabian Bärtling – Perspektiven aus Osnabrück

Im Interview mit der wissenschaftlichen Leitung

ANPI 2026 – 42 Jahre interdisziplinärer Austausch am Christlichen Kinderhospital Osnabrück

Dr. med. Fabian Bärtling

Dr. med. Florian Urlichs

Können Sie kurz skizzieren, wie groß der Anteil frühgeborener und sehr frühgeborener Kinder aktuell bei Ihnen in Osnabrück ist?

Dr. Urlichs:
Das ist in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Relativ gesehen sind es ungefähr 2,2 Prozent aller Kinder, die hier geboren werden und ein Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm haben. Etwa 10 Prozent aller Kinder kommen vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt.

Dr. Bärtling:
In absoluten Zahlen heißt das: Wir behandeln hier mehrere hundert Neugeborene pro Jahr. Bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm sind es in der Regel etwa 60 Kinder pro Jahr.

Welches sind heute die wichtigsten Aspekte und Behandlungsstrategien in der Begleitung von Früh- oder Risikogeborenen bei der Anpassung an das Leben außerhalb des Mutterleibs?

Dr . Bärtling:
Im Prinzip kann man sagen, dass sich die grundsätzliche Strategie in den letzten Jahren kaum verändert hat. Wir versuchen, alle Neugeborenen, die Unterstützung benötigen, so viel Hilfe wie nötig, aber so wenig Hilfe wie möglich zu geben. Das heißt: Wir schauen sehr genau, wo Frühgeborene medizinische Unterstützung brauchen, und geben diese gezielt – ohne unnötig aggressive medizinische Maßnahmen.

Dr. Urlichs:
Stichwort: schonende, entwicklungsorientierte Neonatologie.

Früher wurden Frühgeborene konsequent von den Eltern getrennt und abgeschirmt behandelt. Heute geht man andere Wege. Warum?

Dr. Bärtling:
Das vormalige Vorgehen gilt heute als überholt. In der Neonatologie und insbesondere in der Frühgeborenenmedizin haben sich die Standards grundlegend geändert. Außer wenn es aus medizinischen Gründen wirklich unausweichlich ist – was eher selten der Fall ist –, trennen wir Mutter und Kind nicht unmittelbar nach der Geburt. Wir versuchen immer, Bonding zu ermöglichen, auch bei sehr kleinen Frühgeborenen, die vielleicht beatmet werden müssen. Unser Ziel ist es, so früh wie möglich Hautkontakt zwischen Kind und Mutter oder Vater herzustellen.

Welche entscheidenden Fortschritte hat die Neonatologie in den letzten zehn Jahren in der Frühgeborenenversorgung gemacht?

Dr. Urlichs:
Den einen ganz großen Gamechanger gab es in den letzten 10 Jahren nicht. Vielmehr waren es viele kleine Fortschritte: die frühzeitige Einbindung der Eltern, die konsequente Vermeidung von Trennung, frühzeitiges Bonding, der stärkere Fokus auf Muttermilch sowie die bessere Vernetzung der Neonatologien untereinander. Wir schauen heute viel stärker über den eigenen Tellerrand hinaus, sammeln systematisch Daten und gestalten Prozesse strukturierter. Allein diese intensive Auseinandersetzung verbessert das Outcome der Kinder bereits deutlich.

Heute überleben deutlich mehr Frühgeborene mit extrem niedrigem Geburtsgewicht. Woran liegt das?

Dr. Bärtling:
Das liegt an den verbesserten technischen Möglichkeiten und der großen Erfahrung, die wir inzwischen mit sehr unreifen Frühgeborenen ab etwa 24 Schwangerschaftswochen haben. Erfahrene Zentren trauen sich heute, auch Kinder aus der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche zu versorgen. Diese Kinder galten früher als nicht lebensfähig. Heute wissen wir, dass zumindest ein Teil von ihnen überleben kann. Wie sich deren langfristige Lebensqualität entwickelt, können wir noch nicht abschließend beurteilen – dafür gibt es diese Patientengruppe noch nicht lange genug. Genau hier sammeln wir aktuell Erfahrungen und Daten.

Welche medizinischen und organisatorischen Herausforderungen sind beim Management von Frühgeborenen besonders relevant?

Dr. Bärtling:
Ein zentraler Punkt ist die Standardisierung der Behandlung. Wir brauchen ein Best-Practice-Basisschema, auf das sich alle Beteiligten verlassen können, ohne dabei die individuelle Entwicklung des Kindes aus dem Blick zu verlieren. Es gibt heute sehr gute wissenschaftliche Grundlagen dafür, was eine optimale Versorgung im Durchschnitt ausmacht. Gleichzeitig müssen soziale Aspekte wie die Familiensituation, die Bedürfnisse der Eltern und von Geschwisterkindern immer mit berücksichtigt werden.

Welche Faktoren begünstigen Frühgeburten? Gibt es erkannbare Muster?

Dr. Urlichs:
Ein ganz wesentlicher Risikofaktor sind mütterliche Infektionen – von Infektionen im Mundraum bis hin zu umweltbedingten Infektionen. Während der Corona-Pandemie haben wir gesehen, dass die Frühgeborenenraten gesunken sind. Das deutet darauf hin, dass virale Infektionen eine große Rolle spielen. Hinzu kommen bakterielle Infektionen, genetische Prädispositionen, aber auch soziale Faktoren und die familiäre Situation.

Was sind die derzeit drängendsten Fragestellungen in der Neonatologie und der diesbezüglichen Forschung?

Dr. Bärtling:
Eine der wichtigsten Fragen ist, warum bestimmte Frühgeborene ein erhöhtes Risiko für spezielle Komplikationen haben. Wir können Eltern heute nur sehr eingeschränkt sagen, welches individuelle Risiko ihr Kind beispielsweise für eine Darmkomplikation oder eine Hirnblutung hat. Wenn wir das präziser vorhersagen könnten, wäre das ein großer Fortschritt – sowohl für die Prävention als auch für die Aufklärung der Eltern.

Gibt es dazu medizinische Register oder Datenpools oder Bestrebungen in dieser Richtung?

Dr. Bärtling:
Man kann das Risiko, eine Komplikation zu erleiden, allgemein beziffern. Aber welche spezifische Komplikation für das individuelle Frühgeborene nun besonders wahrscheinlich ist, kann man heutzutage noch nicht sagen. Das wird sich in den nächten jahren verbessern. Viele Zentren arbeiten mit digitalen Patientenkurven und erfassen unheimlich viele Daten von Frühgeborenen. Wenn man diese ganzen Daten auswerten kann – möglicherweise mit Unterstützung von KI -, kann ich mir vorstellen, dass das in den kommenden 10 Jahren viel im Hinblick auf die Vorhersage von Komplikationen und auch im Hinblick auf die Prognose verändern wird.

Dr. Urlichs:
Retrospektiv gibt es bereits Daten, etwa aus dem GNN-Register, insbesondere zur BPD-Prävalenz. Prospektiv stehen wir hier aber noch am Anfang. Viele Zentren arbeiten inzwischen mit digitalen Patientenkurven und erfassen große Datenmengen. Wenn diese Daten – möglicherweise mit Unterstützung von KI – ausgewertet werden können, wird sich in den nächsten Jahren viel im Hinblick auf Prognosen und Risikovorhersagen verändern. Wir in Osnabrück sind Teil des GNN-Registers und bringen unsere Daten aktiv ein.

Wo sehen Sie die größten Lücken in der Versorgungskette?

Dr. Bärtling:
Lücken entstehen vor allem an Schnittstellen, also dort, wo die Betreuung wechselt. Der Übergang von der stationären in die ambulante Versorgung ist eine große Herausforderung. Ebenso künftig der Übergang von ehemals extremen Frühgeborenen in die Erwachsenenmedizin – eine Patientengruppe, die es in dieser Form erst seit etwa 20 Jahren gibt. Wir wissen z. B. sehr gut über die Eltern Bescheid, bevor das Kind überhaupt auf die Welt kommt. Der erste Versorgerwechsel findet in der Regel dann statt, wenn die Kinder von uns entlassen werden. Dann werden sie in die ambulante Betreuung durch die niedergelassenen Kinderärzten entlassen und in der Regel in ein sozialpädiatrisches Zentrum, das die Nachsorgeuntersuchungen durchführt. Da stellt es uns immer wieder vor Herausforderungen, Rückmeldungen zu bekommen, wie die Weiterentwicklung der Kinder ist, die wir hier behandelt haben. Eine weitere große Herausforderung, die jetzt gerade erst noch auf uns zukommt, ist der Übergang der Frühgeborenen aus der kinderärztlichen Versorgung im Rahmen der Erwachsenen-Medizin. Das Kleinst-Frühgeborene, die bei der Geburt gerade mal 500 g wiegen, regelhaft überleben können, ist gerade mal seit zirka 20 Jahren der Fall. Diese Menschen werden jetzt erwachsen und haben sicher eigene Bedürfnisse und eigene medizinische Probleme, die über die Kinder- und Jugendmedizin weit hinausgehen.

Was erwartet Eltern, wenn ihr Kind vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird?

Dr. Bärtling:
Viele Eltern haben zunächst keine Vorstellung davon, was sie erwartet. Unsere Aufgabe sehen wir darin, sie so früh wie möglich einzubinden, aufzuklären und vorzubereiten. Wir führen Gespräche, bieten psychologische Unterstützung an und ermöglichen Einblicke in die Station. Das reduziert Ängste und hilft den Eltern, die Situation besser anzunehmen.
Dr. Urlichs: Wir versuchen, die Intensivmedizin aus der Rolle der Blackbox herauszuholen. Es geht um Medizin von Menschen für Menschen – das nimmt Ängste und kann sogar dazu beitragen, Schwangerschaften zu verlängern.

Gibt es Erlebnisse aus Ihrer Arbeit, die Sie besonders berührt haben und die Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben sind?

Dr. Bärtling:
Wir haben das große Privileg, einen Beruf auszuüben, in dem besondere Geschichten gewissermaßen zum Alltag gehören. Deshalb möchte ich auch keine einzelne Familie oder ein konkretes Ereignis hervorheben. Was mich jedoch immer wieder sehr berührt, sind die Momente der Dankbarkeit. Viele Eltern kommen vor der Entlassung ihres Kindes noch einmal auf der Kinderintensivstation vorbei, bringen eine Karte oder ein kleines Geschenk mit und bedanken sich persönlich. Besonders bewegend ist es für mich, wenn Eltern uns später erneut besuchen – etwa zur Weihnachtszeit –, um Hallo zu sagen, wenn ihre Kinder inzwischen ein paar Jahre alt sind. Zu sehen, wie sich diese Kinder entwickelt haben, und zu spüren, dass unsere Arbeit in guter Erinnerung geblieben ist, sind Momente, die mich sehr glücklich machen.

Dr. Urlichs:
Ich sehe das ganz ähnlich. Es gibt nicht den einen Fall, der heraussticht. Am Ende sind es vielmehr all die Kinder und Familien, die man ein Stück ihres Weges begleitet hat. Eltern kommen mit dem Anspruch zu uns, dass ihr Kind etwas ganz Besonderes ist – und genau diese Besonderheit gilt es wahrzunehmen, wertzuschätzen und den Eltern auch zu vermitteln. Wenn wir erleben, dass Eltern später zu uns zurückkommen und mit uns teilen, wie sich ihr Kind entwickelt hat, ist das etwas sehr Besonderes.

Dr. Bärtling
Ja, genau. Das ist für uns auch eine große persönliche Bestätigung. Für solche Begegnungen nehmen wir uns dann selbstverständlich Zeit.

Was zeichnet die ANPI aus, und was bedeutet es für Sie, die wissenschaftliche Leitung 2026 zu übernehmen?

Dr. Bärtling:
Das Besondere an der ANPI ist das gemeinsame Plenum. Alle beteiligten Berufsgruppen sitzen gemeinsam in einem Raum, hören Vorträge, diskutieren und lernen voneinander und in Workshops. Das ist ein einzigartiges Forum.

Dr. Urlichs:
Neben der Wissenschaft ist der Erfahrungsaustausch absolut zentral. Die ANPI verbindet beides auf besondere Weise.

Gibt es technische oder organisatorische Innovationen, die Ihnen in den vergangenen Jahren einen echten Mehrwert in der Versorgung von Frühgeborenen gebracht haben?

Dr. Bärtling:
Im technischen Bereich ist es die Videolaryngoskopie, also die Möglichkeit, die Kinder zu intubieren und dabei auf dem großen Bildschirm den Atemweg darstellen zu können, während man das tut. Das ist zum einen, wenn man das bei Kleinst-Frühgeborenen tut, eine Erleichterung, weil man diese minimal kleinen Strukturen einfach vergrößert sehen kann. Das heißt, das erleichtert die technische Durchführung dieser Tätigkeit. Darüber hinaus kann man das Menschen, die das vielleicht zum ersten Mal machen, also die Menschen, die wir ausbilden, viel besser helfen und Tipps geben, weil man nicht nur eine Person den Atemweg sehen kann, nämlich die intubierende Person, sondern mehrere Personen gleichzeitig. Dadurch, dass alle im Raum sehen können, was gerade gemacht wird, wird auch die Interdisziplinarität gestärkt.
Insgesamt trägt diese Technik maßgeblich zur Sicherheit der Frühgeborenen in einer sensiblen Versorgungssituation bei und ist zugleich ein hervorragendes Lehrinstrument. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Videolaryngoskopie – je nach Zentrum – zunehmend als Standard etabliert. Aus meiner Sicht hat sie die Versorgung deutlich verbessert.

Humana engagiert sich für die bestmögliche Frühgeborenenernährung ein. Welche Rolle spielt Ernährung in der Frühgeborenenversorgung?

Dr. Urlichs:
Ernährung ist von Anfang an ein zentrales Thema. Wenn Muttermilch nicht oder nicht ausreichend verfügbar ist, sind wissenschaftlich fundierte Alternativen enorm wichtig und bringen den Kindern einen enormen Mehrwert.

Was würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen raten, die in die Neonatologie oder die Pädiatrische Intensivmedizin einsteigen möchten – mit Blick auf fachliche Skills, Haltung und interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Dr. Bärtling:
Ich glaube ehrlich gesagt, dass junge Menschen keine klassischen Ratschläge von uns brauchen. Viele Kompetenzen entwickelt man mit der Zeit ganz automatisch im Berufsalltag. Was wir selbst über die Jahre gelernt haben, ist vor allem eines: Man muss nicht alles allein verarbeiten oder bewältigen – insbesondere nicht emotional belastende oder potenziell traumatisierende Situationen. Deshalb braucht es ein hohes Maß an Fürsorge für die Mitarbeitenden. Wir verstehen uns selbstverständlich als Gesprächspartner, wenn jemand nach schwierigen Situationen Unterstützung braucht. Darüber hinaus stehen bei uns auch Seelsorgende und Psychologinnen zur Verfügung, die auffangend wirken und helfen, Erlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten.

Dr. Urlichs:
Aus meiner Sicht geht es weniger darum, jungen Kolleginnen und Kollegen bestimmte Anforderungen mit auf den Weg zu geben. Viel wichtiger ist es, etwas vorzuleben: die Begeisterung für diese Tätigkeit und den tiefen Respekt vor dem Leben und den Menschen, mit denen wir arbeiten. Wenn es gelingt, diese Haltung zu vermitteln, kann man viele für diesen Beruf gewinnen – vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein.

Dr. Bärtling:
Unsere Rolle sehen wir darin, die Menschen, die wir ausbilden, auf ihrem Weg zum Erfolg zu unterstützen. Wir verstehen uns nicht als klassische Lehrende, die permanent vorgeben, was zu tun ist. Vielmehr schaffen wir die Rahmenbedingungen, damit sich junge Kolleginnen und Kollegen fachlich und persönlich gut entwickeln können – und ihren eigenen Weg zu kompetenten Neonatologinnen und Neonatologen finden.

Wenn Sie einen Wunsch an die Gesundheitspolitik freihätten: Welche Unterstützung würden Sie sich für den Bereich der Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin wünschen?

Dr. Urlichs:
Ich wünsche mir eine kindgerechtere Gesellschaft und Gesundheitspolitik, die Prävention und die besonderen Bedürfnisse von Kindern stärker in den Fokus rückt. Wir sollten auf diie Bedürfnisse von Kindern besser einzugehen und nicht so schematisch. Erwachsene Kinder werden gleichbehandelt und Kinder sind manchmal kleine Erwachsene. So geht das nicht. Und diese Bedürfnisse zu sehen und dementsprechend darauf einzugehen, das würde ich mir wünschen.
Ganz grundsätzlich wünsche ich mir ein gesellschaftliches Umdenken oder Neudenken. Unser Land muss kinderfreundlicher werden – und das fängt bei individualisierten Arbeitszeiten an und hört bei Betriebskitas nicht auf.

Wie wichtig ist das Engagement von Unternehmen wie Humana für den medizinischen Fortschritt?

Dr. Urlichs:
Es ist von unschätzbarem Wert. Der Erfahrungsaustausch, den solche Veranstaltungen ermöglichen, ist essenziell – und ohne diese Unterstützung oft nicht realisierbar.

Blick nach vorn

Die ANPI 2026 wird erneut zu einem zentralen Ort, an dem Fortschritt, Verantwortung und interdisziplinärer Dialog zusammenkommen.

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