Neonatologie im Dialog: Fortschritt trifft Erfahrung

Frühgeborenenmedizin ist Hochleistungsmedizin – und zugleich zutiefst menschlich. Technischer Fortschritt, strukturierte Behandlungsstrategien und eine konsequent familienzentrierte Haltung haben die Überlebenschancen selbst extrem unreifer Frühgeborener in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Gleichzeitig wächst der Bedarf an interdisziplinärem Austausch, standardisierten Versorgungsmodellen und belastbaren Daten. Warum genau deshalb ein Format wie die ANPI auch 2026 unverzichtbar bleiben, erklären Dr. med. Florian Urlichs (Ärztlicher Direktor Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie) und Dr. med. Fabian Bärtling (stellv. Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie, Intensivmedizin, Ernährungsmedizin) am Christlichen Kinderhospital Osnabrück, die die wissenschaftliche Leitung der ANPI 2026 übernommen haben.


Frühgeborenenversorgung: Zahlen, die Verantwortung verdeutlichen

Die Versorgung von Früh- und Risikogeborenen ist wie in vielen anderen Zentren fester Bestandteil des klinischen Alltags in Osnabrück. „Relativ konstant sind etwa 2,2 Prozent aller Neugeborenen Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm“, erläutert Dr. Urlichs. Insgesamt kämen rund 10 Prozent aller Kinder vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. In absoluten Zahlen bedeutet das eine hohe Versorgungsdichte: „Wir behandeln mehrere hundert Neugeborene pro Jahr. Bei sehr kleinen Frühgeborenen unter 1.500 Gramm sind es etwa 60 Kinder jährlich“, ergänzt Dr. Bärtling.

Schonend, individuell, entwicklungsorientiert

Die Grundprinzipien der modernen Neonatologie haben sich bewährt. „So viel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich“, beschreibt Dr. Bärtling die Leitlinie. Ziel sei eine gezielte, nicht aggressive Medizin, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Kindes orientiert. Dr. Urlichs bringt es auf den Punkt: „Schonende, entwicklungsorientierte Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin– das ist heute der Standard.“ Ein zentraler Bestandteil dieses Ansatzes ist der frühe Einbezug der Eltern. Die ehemalige strikte Trennung von Mutter und Kind gilt heute als überholt. „Außer wenn es medizinisch zwingend notwendig ist, trennen wir Mutter und Kind nicht“, betont Dr. Bärtling. Bonding – selbst bei beatmeten extrem kleinen Frühgeborenen – werde aktiv ermöglicht.


Eltern konsequent begleiten, um Ängste zu nehmen

Für Eltern sei eine Frühgeburt meist ein völliger Einschnitt. „Unsere Aufgabe ist es, sie frühzeitig einzubinden, aufzuklären und vorzubereiten“, betont Dr. Bärtling. Dr. Urlichs ergänzt: „Wir holen die Intensivmedizin aus der Blackbox heraus. Medizin von Menschen für Menschen – das nimmt Ängste und kann sogar Schwangerschaften verlängern. Besonders prägend seien für beide die Rückmeldungen der Familien. „Wenn Eltern Jahre später mit ihren Kindern wiederkommen, ist das eine große persönliche Bestätigung“, sagt Dr. Bärtling.

Standardisierung und Individualisierung – kein Widerspruch

Abgesehen von der innovativen Videolaryngoskopie hat es in den vergangenen Jahren keinen uniquen große Gamechanger gegeben, sagt Dr. Urlichs. Stattdessen sei es die Summe vieler Entwicklungen: frühes Bonding, der Fokus auf Muttermilch, strukturierte Prozesse und in erster Linie eine deutlich bessere Vernetzung zwischen den beteiligen Fachkräften und den Zentren. „Allein die intensive Auseinandersetzung mit Daten und Prozessen verbessert das Outcome bereits messbar.“ Dass heute selbst Kinder aus der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche versorgt werden können, sei Ausdruck dieser Entwicklung. „Wir schauen heute viel stärker über den eigenen Tellerrand hinaus, sammeln systematisch Daten und organisieren Abläufe effizienter. Allein diese intensive Auseinandersetzung verbessert das Outcome der Kinder bereits deutlich“, erklärt Dr. Urlichs. Die langfristige Lebensqualität werde derzeit intensiv wissenschaftlich begleitet.

Eine der größten organisatorischen Herausforderungen liegt im Spagat zwischen Standardisierung und individueller Versorgung. „Wir brauchen ein Best-Practice-Basisschema, ohne das einzelne Kind aus dem Blick zu verlieren“, so Dr. Bärtling. Neben medizinischen Faktoren spielten soziale Aspekte wie die Familiensituation eine zentrale Rolle. Besondere Risiken für Frühgeburten seien weiterhin mütterliche Infektionen, ergänzt Dr. Urlichs. Die sinkenden Frühgeborenenraten während der Corona-Pandemie hätten diesen Zusammenhang eindrucksvoll verdeutlicht.

Daten, Register und KI: die nächste Entwicklungsstufe

Eine der drängendsten Fragen der Neonatologie ist die individuelle Risikovorhersage. „Wir können heute nur sehr eingeschränkt sagen, welches konkrete Risiko ein einzelnes Frühgeborenes für bestimmte Komplikationen hat“, erklärt Dr. Bärtling. Hier setzt die Arbeit mit Registern und digitalen Patientenkurven an. „Wenn diese Daten künftig – möglicherweise mit Unterstützung von KI – ausgewertet werden können, wird sich in den nächsten Jahren viel verändern“, ist Dr. Urlichs überzeugt. Das Osnabrücker Zentrum ist aktiv am Register des Deutschen Frühgeborenennetzwerks (GNN) beteiligt, das sich auf die langfristigen Effekte genetischer, klinischer und sozialer Risikofaktoren konzentriert. Ein ganz wichtiger Punkt: Die langfristige Entwicklung von VLBW-Kindern einschätzen und positiv beeinflussen zu können. Denn nicht nur der Übergang von der stationären in die ambulante Betreuung stellt eine Herausforderung dar. Perspektivisch ist es vor allem auch der Übergang ehemals extrem unreifer Frühgeborener in die Erwachsenenmedizin „Diese Patientengruppe wird jetzt erst erwachsen, und wir werden mit ganz neuen Fragestellungen konfrontiert“, so Dr. Bärtling. „Sie werden spezielle Bedürfnisse und eigene medizinische Probleme haben, die über die Kinder- und Jugendmedizin weit hinausgehen.“


ANPI: Netzwerken und lernen im gemeinsamen Raum

Das Besondere am Arbeitskreis für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin – kurz: ANPI – ist das gemeinsame Plenum. Alle beteiligten Berufsgruppen sitzen gemeinsam in einem Raum, hören Vorträge, diskutieren und lernen voneinander und in Workshops. „Das ist ein einzigartiges und unersetzliches Forum“, so Dr. Bärtling. „Alle Berufsgruppen sitzen zusammen, hören dieselben Vorträge, diskutieren und lernen voneinander.“ Dr. Urlichs ergänzt: „Neben der Wissenschaft ist der Erfahrungsaustausch absolut zentral. Die ANPI verbindet beides auf besondere Weise.“
Die ANPI fördert seit nunmehr fast 42 Jahren die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin. Sie hat damit auf einmalige Weise zur Weiterentwicklung in allen Bereichen der Versorgung von Früh- und Neugeborenen beigetragen. Initiiert von Humana, die bei der eigenen Produktentwicklung schon früh den „Medical First“-Ansatz in den Mittelpunkt gestellt hat. Frühchen- und Säuglingsnahrung auf Basis eines wissenschaftlich fundierten Hintergrunds – eine Art Win-win-Situation für ANPI und Humana. Auch die beiden wissenschaftlichen Leiter der ANPI 2026 in Osnabrück bestätigen, dass die Ernährung eine zentrale Rolle in der Neonatologie spielt. „Wenn Muttermilch nicht ausreichend verfügbar ist, sind wissenschaftlich fundierte Alternativen enorm wichtig“, so Dr. Urlichs.

Blick nach vorn

An die Gesundheitspolitik richtet Dr. Urlichs einen klaren Wunsch: „Wir brauchen eine kinderfreundlichere Gesellschaft und Gesundheitspolitik, die Prävention und die besonderen Bedürfnisse von Kindern ernst nimmt.“ Dass ein Unternehmen wie Humana den fachlichen Austausch unterstützen, sei dabei unverzichtbar. „Dieser Erfahrungsaustausch ist essenziell und ohne eine solche Partnerschaft nicht realisierbar.“

Die ANPI 2026 wird erneut zu einem zentralen Ort, an dem Fortschritt, Verantwortung und interdisziplinärer Dialog zusammenkommen.

 

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