Keynote der ANPI 2026 mit Silke Mader: Frühgeborenenmedizin aus Elternperspektive
Silke Mader, Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende der “Global Foundation for the Care of Newborn Infants” (GFCNI) in ihrer Keynote der ANPI 2026 zum Thema: Frühgeborenenmedizin aus Elternperspektive
Wenn Frühgeborene erwachsen werden
Was passiert eigentlich, wenn Frühgeborene erwachsen werden? Diese Frage hat viele der Anwesenden gleich am ersten Tag der ANPI nicht mehr losgelassen. Denn wir erfahren viel darüber, dass es gelingt, immer kleinere und unreifere Kinder ins Leben zu retten. Aber viel zu selten wird darüber nachgedacht und gesprochen, wie dieses Leben danach aussieht. Eine, die genau darüber spricht, ist Silke Mader. Vielleicht kennen Sie ihren Namen noch nicht. Ihre Geschichte und ihr Engagement sind beeindruckend – und lesenswert.
Silke Mader ist Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende der “Global Foundation for the Care of Newborn Infants” (GFCNI). Dass sie für ihr herausragendes Engagement mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihr langjähriges Engagement für die Gesundheit von Früh- und Neugeborenen ausgezeichnet wurde, macht sie vermutlich ein bisschen stolz, ist aber in der Sache nur eine Randnotiz. Am 22. April war Silke Mader Keynote-Speakerin mit dem Beitrag „Frühgeborenenmedizin aus Elternperspektive“. Das Thema, dass sie aufgezeigt hat, ist so gesellschaftlich relevant wie (noch) viel zu wenig beachtet – und basiert auf Maders eigenem Schicksal.
Ein persönliches Schicksal als Wendepunkt
1997 bringt Silke Mader nach einer schweren Präeklampsie in der 25. Schwangerschaftswoche Zwillinge zur Welt. Beide wiegen unter 500 Gramm. Die Überlebenschancen der winzigen Neugeborenen sind gering. Ärzte und Pflegende kämpfen rund um die Uhr. Das kleine Mädchen – Lena – stirbt wenige Tage nach der Geburt. Ein zusätzliches Trauma für die Eltern. Aber der kleine Lukas überlebt. Was folgt, ist ein Kampf. Nicht nur ums Überleben, sondern um Würde, Teilhabe und Zukunft. Die Eltern schlafen abwechselnd auf dem Flur, weil es noch kein Rooming-in gibt. Gleichzeitig kämpfen sie darum, ihre verstorbene Tochter beerdigen zu dürfen. Aufgrund des geringen Gewichts war dies rechtlich zunächst nicht vorgesehen – eine Situation, die die ohnehin belasteten Eltern zusätzlich herausforderte. Für Silke Mader und ihren Mann stand jedoch fest, dass sie einen persönlichen Abschied möchten. Schließlich setzen sie sich mit ihrem Anliegen durch.
Nach dem Überleben beginnt der eigentliche Kampf
Nach sechs Monaten können die Eltern Lukas endlich mit nach Hause nehmen. Mit dem Überleben und der Entlassung ins reale Leben beginnt eine neue Realität, auf die die Eltern nicht vorbereitet sind: Spätfolgen, Entwicklungsverzögerungen, Einschränkungen durch Cerebralpares und Sehstörung – und eine Gesellschaft, in die ein Frühchen nicht zu passen scheint. Der Mutter bricht es das Herz, dass ihr Kind auf Ablehnung durch Erzieher in Kita und Regelschule stößt: „Auf solche Kinder sind wir nicht eingestellt.“ Ein Satz, der alles sagt. Die Eltern wollen, dass ihr Kind, das einen IQ von 120 hat und sich trotzdem schwertut, gleich behandelt wird und die gleichen Chancen bekommt. Sie finanzieren Privatschulen bis zum Abitur und engagieren sich, wo auch immer sie können. Trotzdem können sie ihr Kind nicht vor den Spätfolgen der Frühgeburt schützen – und auch nicht vor Mobbing und Ausgrenzung.
Heute ist Lukas erwachsen. Und er spricht offen über seine Geschichte. Und genau hier liegt die eigentliche Frage: Wir können immer mehr Frühgeborene retten. Aber sind wir auch darauf vorbereitet, sie ein Leben lang zu begleiten?
Engagement mit globaler Wirkung
Aus ihrem Erlebten heraus hat Silke Mader die Global Foundation for the Care of Newborn Infants (GFCNI) mitgegründet, woraus später zudem die Eltern-Informationsplattform Neopedia entstanden ist. Der GFCNI ist heute eine führende globale Organisation und ein Netzwerk, das sich der Verbesserung der Versorgung und der Ergebnisse für Frühgeborene und kranke Neugeborene sowie deren Familien in jeder Region der Welt widmet. Das Ziel von Silke Mader und ihrer Organisation: Nicht nur das Überleben sichern – sondern Versorgung, Teilhabe und Lebensqualität langfristig verbessern. Für Frühgeborene. Für ihre Familien. Weltweit.
Ein stiller Moment mit großer Wirkung
Der beeindruckende und sehr persönliche Vortrag von Silke Mader bei der ANPI 2026 war einer dieser seltenen Momente, in denen ein ganzer Saal still war. Über 300 Fachleute aus der Neonatologie und der pädiatrischen Intensivpflege – und man hätte sprichwörtlich eine Stecknadel fallen hören können. Weil plötzlich klar wird: Fortschritt endet nicht mit der Entlassung aus der Klinik. Er beginnt dort erst.
Danke, Silke Mader, für diesen eindrücklichen Perspektivwechsel. Und für den Mut, einem Thema Sichtbarkeit zu geben, das unsere Gesellschaft noch viel stärker beschäftigen wird.